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Treffpunkt Konjugation

Das Forum für die deutsche Sprache

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Index » Stil » fighten
Autor Beitrag
Wortraum

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Beigetreten: 06/11/2010 19:47:25
Beiträge: 425
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Gretchen0910 wrote:Zumindest in den naturwissenschaftlichen Bereichen dürften sich wohl nur äußerst wenige dafür interessieren, inwieweit sich das auf die eigene Sprache auswirkt.
Das ist leider in der Tat so. An einer Stelle in diesem Forum schrieb ich bereits, daß ich Informatiker bin – und es gibt kaum eine Wissenschaft, in der es so viele Anglizismen gibt –, und bei etlichen schriftlichen Nachrichten, die man erhält, könnte man fast schon auf funktionalen Analphabetismus schließen. Der Sinn für Sprache und die Kenntnisse von Rechtschreibung und Grammatik sind den meisten Informatikern unbedeutend, die Verwendung von Anglizismen ist geistlos. Es gibt dafür nicht nur kein Interesse, es gibt nicht einmal ein Bewußtsein dafür.

Man kann häufig beobachten, daß Wörter einfach übernommen und nachgeredet werden, und so bilden sich schließlich auch eigene Firmen- und Abteilungssprachen. Ich achte sehr wohl darauf, aber die Arbeit ist der falsche Ort für sprachlichen Widerstand.

Ich schrieb weiter oben bereits, daß es nicht um Sprachpurismus geht, sondern um eine bewußte Verwendung der Sprache. Anglizismen darf man verwenden, mit Bedacht und in geringer Dosis. Beides ist in der Informatik nicht der Fall, deswegen sollte man sich aber nicht in einen hoffnungslosen Kampf stürzen. Ich meete oder uploade niemals, aber ich committe im technischen Sinne (Übergabe in ein Versionskontrollsystem) und deploye Anwendungen – nicht weil ich das gut finde, nicht weil mir keine anderen Wörter einfielen, sondern weil dies zur Firmensprache gehört. Sprachpolitik zu betreiben, ist Privatsache.

Entwicklungssysteme und -anwendungen bevorzuge ich komplett in Englisch, weil die deutschen Übersetzungen meistens denkbar ungelenk sind oder auf Denglisch hinauslaufen.

Du hast also recht, es gibt einerseits ein starkes Deinteresse, für Anglizismen und sowieso für Sprache, andererseits aber auch einen Zwang.

This message was edited 2 times. Last update was at 13/01/2012 00:33:41

glupeyshina

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Beigetreten: 02/02/2012 14:18:25
Beiträge: 50
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Ich fürchte, ich kann nicht auf dem hohen Niveau mitreden, auf der die Diskussion gerade geführt wird. Ich möchte dennoch meinen Teil zum "Fight" beitragen, der hier ausgetragen wird. Um es sofort klarzustellen, ich stehe auf der Seite der Anglizismen und finde sie in den meisten Fällen eher bereichernd. (Was nicht für das von mir eben verwendete "Fight" an eben jener Stelle gilt, das musste ich einfach spaßeshalber einbauen, weil es so schön passte.)

Ich sehe das Thema folgendermaßen. Eine Sprache entwickelt sich immer weiter fort. Solange sie lebendig ist und gesprochen wird natürlich. Dabei dient sie den Menschen als Werkzeug, um alles auszudrücken, was diese eben ausdrücken wollen. Solange es also Menschen gibt, die bestimmte Wörter als geeignetes Ausdrucksmittel ansehen und einander verstehen, können sie diese benutzen und die Sprache muss sich eben anpassen. Wenn Gehörlose das Wort "ich" aus naheliegenden Gründen durch eine Geste ausdrücken, die daraus besteht, sich mit dem Zeigefinger auf die Brust zu zeigen und dabei von anderen Gehörlosen verstanden wird, wird ihm wohl keiner Sprachverarmung vorwerfen, sondern eher begeistert davon sein, dass eine neue Form gefunden wurde den selben Inhalt zu vermitteln: die Deutsche Gebärdensprache. Wieso sollte es mit der Deutschen Subkultursprache, oder der Deutschen Jugendsprache anders sein.

Anderer Gedanke: Wörter, wie Niveau, sind schon seit sehr, sehr vielen Jahren/Jahrzehnten/Jahrhunderten in der deutschen Sprache verankert. Für Niveau kann man auch ein deutsches Wort finden: Ebene. Es ist nicht besser und nur sehr geringfügig schlechter geeignet, um den gewünschten Inhalt zu übermitteln. Dennoch benutzen wir es. Wieso? Weil es schöner ist mehrere Worte für eine Sache zu haben. Anstatt: "Er ging zur Tür, ging die Treppe hinunter und ging zur Haustür hinaus, um zur Apotheke zu gehen." Hört es sich wesentlich besser an, wenn ich schreibe: "Er lief zur Tür, sprang die Treppe hinab und trat zur Haustür hinaus, um zur Apotheke zu gehen." Es ist ein lahmes Beispiel und illustriert nicht besonders gut, das was ich sagen wollte. Aber zu später Stunde muss es eben reichen. Jedes Wort, dass neu zu einer Sprache hinzutritt bereichert diese. Wir haben schon sieben Wörter für kämpfen? Gut, dann haben wir jetzt acht. Fighten drückt einen etwas anderen Aspekt des Wortes kämpfen aus. (Für mich) bedeutet fighten, ein eher spielerisches Kämpfen, oder eine ironische Schilderung eines Kampfes. Ich finde dies wird durch das neue Wort kompakt zum Ausdruck gebracht. Natürlich könnte man das auch in "ur"deutsche Worte fassen, aber das ist ja gerade das Schöne: Man kann es! Wenn ich einen Text schreibe würde ich das auch tun und würde meinen Leser dann nicht mit der Wiederholung eines Wortes langweilen, sondern diesen permanent unterhalten. Ich finde es schön, durch einen riesigen Pool an Wörtern zu toben und mir diejenigen rauszusuchen, die mir gerade am meisten gefallen.

Es bedeutet ja nicht, dass diejenigen, die das Wort "fighten" benutzen, nicht mehr verstehen, was "kämpfen" bedeutet.
Aber zugegeben: "fightete" hört sich für mich auch seltsam an... ...obwohl sich Goethe's Deutsch in meinen Augen genauso seltsam ausnimmt...

Das Leben birgt auch gute Stunden
hab Fischaugen am Strand gefunden
werd' sie auf meine Augen nähen
kann dich dann unter Wasser sehen.
-Till Lindemann
Wortraum

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Beigetreten: 06/11/2010 19:47:25
Beiträge: 425
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Hallo glupeyshina,

ob wir hier auf hohem Niveau diskutieren, weiß ich ja nicht, aber Dein Beitrag ist doch gut: verständlich, ausführlich und gut geschrieben. Allerdings möchte ich Dir in jedem Punkt widersprechen.

Ich rätsele, wie Du zu Niveau ein deutsches Wort – nur eines – findest. Der Duden gibt gleich fünf verschiedene Bedeutungsklassen dafür an, und unter den Synonymen befinden sich zum Beispiel der Stand, der Rang, die Höhe, der Grad, die Stue, das Level, das Format, der Anspruch, die Klasse, das Profil oder das Kaliber.

Tatsächlich ist eben dies vielen Fremdwörtern gemein: sie sind ungenau und umfassen zahlreiche Bedeutungen. So kann auch etwas, das interessant ist, spannend, reizvoll, wissenswert, lehrreich, packend, fesselnd, mitreißend, unterhaltsam sein.

Bei der Beurteilung von Gallizismen muß man zudem vorsichtig sein, denn man beurteilt nicht die Entwicklung, sondern das Ergebnis, und das schließt jegliche Kritik, jeglichen Widerstand, jegliches Sprachewahrertum und jeglichen Sprachpurismus ein. Weil es diesen Einfluß gab, ist die Sprache so, wie sie heute ist. Otto von Bismarck etwa veranlaßte fast 800 Eindeutschungen im Postwesen, und heute sagen wir Postkarte und Briefmarke. Auch natürliche Eindeutschungen oder Beschlüsse auf der II. Orthographischen Konferenz führten dazu, daß wir heute beispielsweise nicht mehr Meubles, sondern eben Möbel schreiben.

Weil es schöner ist mehrere Worte für eine Sache zu haben. Anstatt: "Er ging zur Tür, ging die Treppe hinunter und ging zur Haustür hinaus, um zur Apotheke zu gehen." Hört es sich wesentlich besser an, wenn ich schreibe: "Er lief zur Tür, sprang die Treppe hinab und trat zur Haustür hinaus, um zur Apotheke zu gehen." 
Die Aussage halte ich für grundverkehrt, das Beispiel für unglücklich gewählt. Zuerst zur Aussage: Erst einmal hängt es vom Text und der Zielgruppe ab, wie man schreibt; in einem Fachartikel verbietet es sich von selbst, Synonyme und ähnliche Wörter zu verwende. Das verbietet sich aber nicht nur, wenn auf Eindeutigkeit und Genauigkeit Wert gelegt wird, sondern oft auch dann, wenn man stilvoll schreiben möchte, da Ersatzwörter erschweren, daß der Leser die Zusammenhänge erfassen kann. Die Journalisten-Marotten, neue Informationen ins Subjekt zu packen (der Familienvater, der Endünfziger), sollte man sich zum Beispiel erst gar nicht angewöhnen. Übrigens verbietet sich so etwas auch für Kinderbücher, denn die Kinder können, abhängig vom Alter, nicht verstehen, daß von derselben Sache oder derselben Person die Rede ist.

Solche Empfehlungen findet man in Stilkunden ebenso wie bei Schreibern, die wahrlich etwas von ihrem Fach verstehen. Mark Twain etwa konnte in Die schreckliche deutsche Sprache eben dieser vor allem eines abgewinnen, nämlich den Mut der deutschen Sprecher, Wörter zu wiederholen statt sie zwanghaft zu ersetzen.

Jedoch bedeutet das alles nicht, daß man leere, eintönige Texte schreiben muß. Eines der besten Mittel wird im zitierten Beispiel verwendet: Taten, Handlungen, Bewegungen. Der Schlüssel ist das Verb! Gehen ist ein leeres Allerweltsverb, bildarm und ohne Kraft. Das Beispiel ist insofern mißglückt, als laufen und springen nicht recht zu heraustreten passen wollen, und der Satz gewinnt seine Bildhaftigkeit und Lebendigkeit nicht etwa dadurch, daß ein Wort durch drei andere ersetzt wurde, sondern er gewinnt überhaupt erst dadurch, daß in ihn Handlung und Bewegung gepackt wurden.

Übrigens ist auch die Bildhaftigkeit etwas, wobei Fremdwörter und Anglizismen schlecht abschneiden; viele sind nicht geeignet, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, auch keine Gefühle. Um eine Bäckerrei zu beschreiben, ist ein Wort wie Kuchen ungleich kraftvoller als Cake. Das ist anbei bemerkt allgemei kein subjektives Empfinden – bei einem Einzelbeispiel kann das anders sein –, die Reaktionen von Lesern oder Hörern lassen sich tatsächlich messen.

Wie so oft darf man das aber nicht absolut und nicht verbissen sehen, es gibt Spielraum und scheinbare Widersprüche, denn Fremdwörter können in Fachsprachen genau definiert sein, sie können einem Stile wie dem Thomas Manns erst dessen Schliff geben, sie können durch ihr Vokaltreichtum wohlklingenden sein, so wie auch Synonyme, behutsam gewählt, den Text auflockern können. Das Parfüm ist dem Duftwasser wohl in Klang und Kraft überlegen.

P.S.: Gebärdensprachen sind eigenständige Sprachen, sie sind nicht bloß eine Umkodierung einer anderen Sprache. Sie haben eigene Sprachmittel (etwa daß man Gegenstände an einer Stelle in der Luft wie in einem Speicher zwischenspeichern kann), eigene Wörter, eine eigene Grammatik (eigene Beugungssysteme, eigene Aspekte etc.). Die deutsche Gebärdensprache hat nichts mit der deutschen Sprache zu tun.

This message was edited 1 time. Last update was at 02/02/2012 23:05:07

glupeyshina

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Beigetreten: 02/02/2012 14:18:25
Beiträge: 50
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Wortraum wrote:

Übrigens ist auch die Bildhaftigkeit etwas, wobei Fremdwörter und Anglizismen schlecht abschneiden; viele sind nicht geeignet, Bilder im Kopf entstehen zu lassen, auch keine Gefühle. Um eine Bäckerrei zu beschreiben, ist ein Wort wie Kuchen ungleich kraftvoller als Cake. Das ist anbei bemerkt allgemei kein subjektives Empfinden – bei einem Einzelbeispiel kann das anders sein –, die Reaktionen von Lesern oder Hörern lassen sich tatsächlich messen.



Hallo Wortraum,

in diesem Punkt muss ich Dir doch energisch widersprechen. "Kuchen" hat für den Deutschsprecher (ich kann's mich einfach nicht davon abhalten, das Journalisten-Subjekt sofort auszuprobieren ) natürlich wesentlich mehr Bedeutungen und Konnotationen als "Cake". Ich glaube aber, dass es daran liegt, dass Cake gar nicht als Anglizismus im Deutschen verwendet wird. Zumindest habe ich es bisher noch nie gehört oder gelesen. Ein ähnlicher Anglizismus, den ich kenne und oft benutzt sehe ist "Cupcake" und das weckt bei mir mindestens genauso viele Assoziationen und Emotionen, wie das Wort Kuchen. Genauso wie "Muffin". Vermutlich ist das auch der Grund, wieso ich bisher nie gehört habe, dass "Kuchen" durch "Cake" ersetzt wurde - es gibt schon ein erschöpfendes Wort dafür. Wobei wir wieder bei dem Thema angelangt wären, ob "fighten" und "kämpfen" deckungsgleich sind. Ich habe schon in meinem ersten Beitrag dafür plädiert, dass die beiden Wörter nicht gleichwertig sind und dass deswegen das Wort "fighten" eine Daseinsberechtigung hat. Ob es nun wirklich notwendig ist, für ein und die selbe Sache zwei Wörter, von denen eines ein Anglizismus ist, zu haben, weiß ich ehrlich gesagt selber nicht. Einerseits wäre das redundant und deswegen unpraktisch. Andererseits kann man argumentieren, dass es nie zwei vollkommen deckungsgleiche Wörter gibt. Sie unterscheiden sich schon allein dadurch, dass sie z. Bsp. von verschiedenen Gruppen (zur Abgrenzung der Gruppenidentität) verwendet werden. Mir fällt dazu ein etwas unangenehmes Beispiel ein: in der rechten Szene soll es angebracht sein (laut einem Zeitungsartikel, den ich jetzt nicht mehr nachverfolgen kann) Fremdwörter "einzudeutschen" und zum Beispiel statt "T-Shirt" "T-Hemd" zu sagen. Da dieses Kleidungsstück gleichzeitig mit seinem "amerikanischen" Namen auftauchte, wird wohl keiner die Daseinsberechtigung dieses Fremdwortes anzweifeln. Jetzt kommt die Frage, ob es legitim ist dieses Wort "einzudeutschen". Für den Großteil der Menschen nicht, für die braunen Gesellen schon, da sie sich damit von der Masse abgrenzen. Wenn jetzt das Wort "T-Hemd" in einem Gespräch, oder einem Text gebraucht wird, versteht jeder, dass etwas anderes ausgedrückt werden soll, als einfach die Beschreibung des Kleidungsstücks.

Das Synonym-Beispiel war wirklich schlecht gewählt, aber ich finde sogar die schlechte "Versynonymisierung" (da, ich tu's schon wieder) besser, als den langweiligen, repetitiven Text. Außerdem kann man sich mit viel Liebe und Phantasie (wie ein geliebter Professor zu sagen pflegte) eine Geschichte dazu vorstellen: Jemand wird von der Polizei beschattet und muss einen bestimmten Termin mit seinem Kontaktmann einhalten. Dieser ist zu einer bestimmten Uhrzeit an einer bestimmten Apotheke. Jetzt darf unser Protagonist nicht den Anschein erwecken, er habe es sonderlich eilig, dort hin zu kommen, da ihm sonst die Polizei auf die Schliche kommt. Er vertrödelt aber die Zeit, die eigentlich dazu gedacht war, ruhig zur Apotheke zu schlendern und muss sich nun beeilen. Er guckt also auf die Uhr, kriegt einen Schreck, greift sich Mantel, Hut und Handschuhe und läuft zur Tür, springt gehetzt die Treppe hinunter um im nächsten Augenblick gediegen zur Haustür hinaus zu treten und gemessenen Schrittes zur Apotheke zu gehen, da er ja weiß, dass er beschattet wird, sobald er einen Fuß vor die Tür setzt.

Außerdem verstehe ich glaube ich Deine These nicht. Hälst Du es generell für verwerflich Synonyme zu benutzen? Ich gebe zu, dass ich auch in wissenschaftlichen Publikationen auf Stil achte und versuche durch Synonyme Abwechslung zu erzielen. Es verunsichert meiner Ansicht nach niemanden, wenn an einer Stelle B-CLL, an einer anderen CLL, an einer dritten Chronische Lymphatische Leukämie und an einer vierten schlicht Leukämie steht. Solange man auf den Kontext achtet, büßt man nichts an Genauigkeit ein.

Auch finde ich, dass man eine reiche, bildhafte Sprache nicht einfach durch Handlung ersetzen kann. Das wäre, als würde man einen Actionfilm à la "Fast and Furious 678" einem auf Dialogen aufgebauten Film, wie "Von Löwen und Lämmern" vorziehen. Entweder habe ich Dich grob missverstanden, oder ich stimme Deiner Aussage nicht zu.

Die Deutsche Gebärdensprache ist wirklich eine eigenständige, wunderschöne Sprache und hat für diese Diskussion keine Relevanz. Es war spät und ich war müde.

und Danke dafür, dass Du meinen Beitrag gelobt hast. *gebauchpinselt*

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-Till Lindemann
 
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