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Treffpunkt Konjugation

Das Forum für die deutsche Sprache

Index » Sonstiges » Der Keim der Poesie
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Anrheiner

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Beigetreten: 26/06/2010 18:38:22
Beiträge: 52
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Guten Abend alle miteinander,

wie ich andernorts bereits gesagt habe schreibe ich an meiner Magisterarbeit über den Philosophen Erich Rothacker.

Bei der erneuten Lektüre eines seiner Werke mit dem Titel "Die Probleme der Kulturanthropologie" bin ich auf eine interessante These zum Thema Sprache und hochkulturelle Ausprägung gestoßen und ich dachte, das wäre doch was für hier:

Unter Bezug auf Benedetto Croce vertritt Rothacker die These, dass Poesie an sich keine kulturelle Errungenschaft ist, sie ist vielmehr in der Sprache - die zum Lebensstil, zur Kultur eines Volkes grundlegend gehört - bereits angelegt. Die Dichtung ist keine von außen kommende Zutat zum gewöhnlichen Sprechen. Der Unterschied zwischen Dichtung und Sprache sei demnach nur ein gradueller Unterschied in der Ausprägung, Veredelung.

Diese These, die von Croce übernommen ist baut Rothacker nun aus, mit dem Argument, dass das, was Croce für das Italienische postuliert hat (mit dem Beispiel des "formschön" ausgesprochenen Wortes "Rosa"), genauso für jede andere Sprache gelten müsse. Wo im Italienischen Formschönheit zähle, zähle im Deutschen die Innigkeit der Empfindung und werde aus "Rosa" das "Röslein, Röslein rot."

Die Sprache ist die Grundlage der Dichtung und Dichtung ist "gerade darum möglich, weil die Richtung des Sichvervollkommnens schon im Wortkeime angelegt war, weil schon in einem Wort einer nationalen Sprache der ganze Geist einer nationalen Kultur vorgeformt sein kann. Die Dichtung, das Schrifttum in Poesie und Prosa, sie ist die gesuchte Veredelung des Wortes. Sie ist, wenn Kultur Veredelung heißt, der Gradmesser einer nationalen Sprechkultur. Die Sprache selbst aber ist als solche auch schon eine Formung. Im geformten Wort schlägt sich nieder, was im lebendigen Schauen, Empfinden, Fühlen, Denken einer Sprachgemeinschaft schauensmächtig, stark, reich, tief, bildhaltig, gedankenvoll, das heißt dichtungs-trächtig war, eine Vorform, ein erstes Aufblinken dessen, was sich in der Dichtung dann leuchtend kristallisiert."
(Aus: Erich Rothacker; Probleme der Kulturanthropologie)

Ich bin mal gespannt, ob und in welche Richtung sich eine Diskussion entspinnt!

"Es stimmt: Eine Grille arbeitet nicht. Aber eine Ameise kann auch nicht singen."
Unbekannt
aus: Eduardo Galeano: Die Füße nach Oben
AnderAgger

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Beigetreten: 30/07/2010 14:34:14
Beiträge: 43
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Dichtung besteht aus ca. 60% logischem Denken und 40% Wortveredelung.

Wäre der Prozentsatz an Wortveredelung höher als 50% , dann könnte ich keine Auftragsgedichte gewerbsmäßig anbieten. In diesem Fall müsste ich einfach länger überlegen; bzw. würde frustriert aufgeben.

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Anrheiner

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Beigetreten: 26/06/2010 18:38:22
Beiträge: 52
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Guten Abend,

fraglich ist hier allerdings, ob Ihre Fähigkeit Gedichte zu verfassen, nicht bereits selbst Resultat der oben als These dargebotenen Entwicklung ist.
Denn wir Reden hier NICHT von Individuen, sondern von Völkern, von Kulturen.

Sie sind demnach wie jede/r Trägerin, Vertreterin der Kultur, Sie können Ihren Beitrag zur Veredelung leisten (oder sich auch dagegen stemmen, oder auch gar nichts tun) und das tun Sie in dem Rahmen, in dem Ihre Gedichte Beachtung und Einfluss gewinnen. Der Stil, das Maß der Veredelung, Ihrer Gedichte, würde dann zu einer Tendenz, zu einem - neudeutsch gesprochen - Trend, der mehr oder weniger Aufnahme findet in der Gesamtkultur.

Dementsprechend wäre auch die prozentuale Verteilung von Denkanteil und Sprachkunst nicht mehr als ein Teil Ihres persönlichen Stils den Sie in die Kultur einbringen.

"Es stimmt: Eine Grille arbeitet nicht. Aber eine Ameise kann auch nicht singen."
Unbekannt
aus: Eduardo Galeano: Die Füße nach Oben
AnderAgger

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Beigetreten: 30/07/2010 14:34:14
Beiträge: 43
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Hm!

Ihren Ausführungen zu Folge, lieber Anrheiner, müsste also quasi jeder Mensch, der eine Sprache beherrscht, auch in der Lage sein, Worte zu veredeln.

Dieser Gedanke ist mir bisher noch nie gekommen, spinnen wir doch mal den Gedanken weiter.... , denn da geschätzte 99% der Menschheit mindestens eine Sprache lernt, meist in Wort und Schrift, so müsste eigentlich fast jeder in der Lage sein, unter Berücksichtigung seiner ganz persönlichen Fähigkeiten, Worte zu veredeln und zur Volkskultur beitragen.

WAHNSINN, nicht wahr?

Mit diesem brandneuen Selbstwertgefühl können wir also getrost bei den privaten Fernsehanstalten anrufen und verlangen, dass deren strunzdumme Programme ersetzt werden durch aktuelle Kultureinlagen aus dem Volk. Und ich glaube sogar, wenn man sich wieder richtig anstrengen müsste, um überhaupt Sendezeit bewilligt zu bekommen, wenn die halbnackten Mädchen, die dümmlichen Reality-Shows, die Sensationshascherei und Darstellungen von Gewalt von den Bildschirmen verschwänden, dass dann eher mal der Fernseher aus bleiben und das Niveau steigen würde.

Und DAS wäre in jedem Fall besser als die Dauerberieselung von Heute.

Ihnen einen angenehmen Fernsehabend, Herr Anrheiner!

Die Begrüßung in meinem Eingangsposting habe ich zwar vergessen, aber dafür lächle ich Ihnen von meinem Profilbild zu.

In diesem Sinne.....
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Anrheiner

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Beigetreten: 26/06/2010 18:38:22
Beiträge: 52
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Guten Morgen!

So wie Sie es sagen klingt es sehr nach Rudi Dutschke (an sich ja nichts schlechtes :wink, gemeint ist aber etwas anderes, darüber hinaus gehendes.
Das menschliche Verhalten ist bedingt durch Entscheidungen. Man kann sich ebenso nicht nicht verhalten, wie man nicht nicht kommunizieren kann. Das heißt, das Leben besteht aus einer einzigen Abfolge von Entscheidungen, die wir bewusst, oder unbewusst treffen (in Bezug auf den Entscheidungscharakter und die Konsequenzen, nicht auf die Handlung). Die Entscheidung wird nicht nur bestimmt durch eine äußere Lage, eine jeweils so und so beschaffene Situation, sondern auch durch eine innere Lage, das heißt nicht nur Emotionen etc, sondern auch unsere Haltung und den Lebensstil - letzterer ist wieder das Ergebnis der Aus - und Durchprägung von Haltungen der bisherigen Träger der Kultur, der Menschen, die vor uns lebten.
Und durch die Entscheidung, bzw. durch die durch sie implizierten Handlungen wird das kulturelle Gefüge in großem oder kleinem Umfang modifiziert - Ihre Bedeutung hinge demnach von der Bedeutung Ihrer kulturellen Leistung ab, die Bedeutung ihrer kulturellen Leistung davon, wie wirkmächtig sie in der Kultur ist. (das kann man natürlich dahingehend kritisieren, dass vieles, was heute zur Hochkultur zählt, moderne Kunst - Götz, Arp etc. -, neue Musik - also Kagel, Stockhausen etc. -, mangels offenkundiger Bedeutung und direkter Einflussnahme an sich nach Rothacker - und hier ist er ganz und gar Utilitarist - von minderer Bedeutung wäre)
Das heißt, wenn Sie kreativ und schöpferisch sind, schaffen Sie nicht nur aus sich selbst heraus, sondern auch aus ihrem kulturellen Hintergrund und wirken auf ihren kulturellen Hintergrund.

Und so meint er es im Fall der Sprache und der Poesie auch:
Wenn die Sprache der Ausgangspunkt ist, so wird über die Jahrhunderte hinweg, die Sprache durch ihren Gebrauch (Gebrauch im Rahmen von entscheidungsbedingten Handlungen) auch für die Kunst nutzbar gemacht (bzw. weiterentwickelt - hier kommt dann der Keimcharakter zum Ausdruck). Mit anderen Worten bedurfte es vieler Genien vom Range Goethes um die Sprache so werden zu lassen, dass Goethe aus ihr seinen Faust, seinen Erlkönig oder Schiller seinen Wallenstein hat entstehen lassen können.

PS: Zu Ihrem basisdemokratischen Ansatz hätte ich noch zu sagen, dass dieser eine Bewusstwerdung (das von Ihnen eingeführte "Selbstbewusstsein" finde ich hier sehr passend) im Sinne Dutschkes voraussetzt und hier liegt auch sein (Dutschkes) Fehler - so respektabel seine Absichten auch gewesen sein mögen -: Bewusstwerdung ist bei ihm bereits zielgerichtet, das heißt, setzt ihr Ziel bereits voraus und erfolgt auch nur in einer Richtung. => Kennen Sie den Film "Free Rainer"?

Danke für das Lächeln...

This message was edited 1 time. Last update was at 02/08/2010 13:29:20


"Es stimmt: Eine Grille arbeitet nicht. Aber eine Ameise kann auch nicht singen."
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aus: Eduardo Galeano: Die Füße nach Oben
AnderAgger

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Beigetreten: 30/07/2010 14:34:14
Beiträge: 43
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Guten Morgen, Herr Anrheiner,

Nein, den Film "Free Rainer" kenne ich nicht.

Eine Frage noch:

Kennen Sie einen modernen Schriftsteller, der sich schaffensmäßig in die Riege von "Goethe" und "Schiller" einordnen ließe?

Mir fiele jetzt auf Anhieb keiner ein, aber ich kenne ja auch nicht alle, die man unbedingt gelesen haben müsste.
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Anrheiner

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Beigetreten: 26/06/2010 18:38:22
Beiträge: 52
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Guten Tag Frau Anderagger,

sicher kann ich Ihnen einen Tipp geben.

Da ich annehme, dass Ihnen die Großen des 19. & frühen Jhd. Jhd. - Heine, Fontane, Körner, Rilke, von Hofmannsthal etc. - bekannt sind, würde ich Ihnen empfehlen sich intensiv mit dem zu Unrecht politisch geächteten Stefan George auseinander zu setzen - einer meiner persönlichen Lieblingsdichter und Verfasser einiger der schönsten Gedichte, die je in deutscher Sprache verfasst wurden.

Schopenhauer un Nietzsche sind zwar keine Dichter, aber auch als Philosophen ganz wunderbare Schriftsteller.

Ist Ihnen Wolfgang Hilbig bekannt? Einer der großen kritischen Künstler in der DDR. Ich mag außerdem sehr den Humor, die distanzierte Ironie eines Robert Gernhardt, das intensive Erleben der Realität (jeder Gestalt) bei Peter Huchel, von Berthold Brecht (meine Favoriten "Die Lösung" und "Lob der Dialektik") und Tucholsky brauche ich wohl nicht anzufangen.

Wesentlich älter, aber umso aktueller ist Francois Villon (1431 - 1463).

Neulich habe ich das Buch "Offene Unruh" von Michael Lentz gekauft. Sehr schöne Liebesgedichte.

Auch immer interessant sind die deutschen Liedermacher (insbesondere Konstantin Wecker), sicherlich nicht alle, aber manche ihrer Werke würden ohne weiteres als Gedicht durchgehen.

Im Reclam-Bändchen "Politische Lyrik" habe ich in der Schulzeit ein kleines großes Werk gefunden von dem deutsch-jüdischen Philosophen und Schriftsteller Günther Anders, das mich damals sehr getroffen hat und mir immer noch viel bedeutet:
Zeitungsnachricht "...einige Kinder aber schlugen um sich, als man sie aus Buchenwald befreite" c 1945

Bin geborn in Buchenwald,
Glaub ich bin zehn Jahre als.
Bitte, lasst mich hier!
Hab mir immer vorgestellt,
wo wir sind, da ist die Welt.
Und die Welt sind wir.

Wusste zwar so ungefähr,
es gibt noch was, da kommt man her,
doch die Welt sind wir.
Wo man haust, da hängt man halt,
Selbst an Tränen und Gewalt.
Lasst mich hier in Buchenwald,
Bitte, lasst mich hier!

This message was edited 3 times. Last update was at 02/08/2010 13:46:18


"Es stimmt: Eine Grille arbeitet nicht. Aber eine Ameise kann auch nicht singen."
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AnderAgger

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Beigetreten: 30/07/2010 14:34:14
Beiträge: 43
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Boah, wie heftig ist das denn?

Ich fass´ es nicht!

Wie kann man über sowas noch Gedichte schreiben???

Ich würde mich schämen, ein so sensibles Thema auf solch unwürdige und burschikose Art und Weise aufzuarbeiten.

Der Autor war sicherlich erschüttert, als er die Zeitungsnachricht las, aber an seinem Gedicht lässt sich seine innere Haltung gut ablesen.

Ich muss zugeben, dass ich oft zögere, Bücher von männlichen Schriftstellern in die Hand zu nehmen, weil

1) der Schreibstil meist ganz anders ist als bei Schriftstellerinnen, und

2) weil ich oft deren abstrakte Gedankengänge nur schwer oder überhaupt nicht nachvollziehen kann.

Derzeit beschränkt sich mein Lesestoff fast ausschließlich auf Sachbücher und Biografien.

Nach meinem Umzug werde ich mir aber auch mal wieder andere Bücher vornehmen.

Mit Liebesgedichten bin ich überfordert, aber Robert Gernhardt und Peter Huchel werd´ ich mir merken.

Vielen Dank für die Tipps.
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Anrheiner

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Beigetreten: 26/06/2010 18:38:22
Beiträge: 52
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AnderAgger wrote:Boah, wie heftig ist das denn?

Ich fass´ es nicht!

Wie kann man über sowas noch Gedichte schreiben???

Ich würde mich schämen, ein so sensibles Thema auf solch unwürdige und burschikose Art und Weise aufzuarbeiten.

Der Autor war sicherlich erschüttert, als er die Zeitungsnachricht las, aber an seinem Gedicht lässt sich seine innere Haltung gut ablesen.


Hmmm, Ihre Ansicht. Für mich drückt es auf besondere Weise die seelische Deformation der Kinder aus, die eben - und das ist besonders schlimm - nichts anderes und vor allem nichts besseres kennen, als das KZ. Vielleicht irre ich mich, aber m.E. wird darin die Grausamkeit der Vernichtungsmaschine noch deutlicher.

Und erschüttert war der Mann sicher - Anders hieß ursprünglich Stern und war als Jude, während des 3. Reichs mit seiner Frau Hannah Arendt in die USA emmigriert.
Und umso erschütterter lässt mich das Gedicht zurück (genau genommen an der Grenze der Belastbarkeit)... nämlich absolut und in jeder Hinsicht hilflos, da es für mich nichts als Hilflosigkeit - des Autors und sicherlich jedes Beobachters ausdrückt.

This message was edited 1 time. Last update was at 02/08/2010 14:10:32


"Es stimmt: Eine Grille arbeitet nicht. Aber eine Ameise kann auch nicht singen."
Unbekannt
aus: Eduardo Galeano: Die Füße nach Oben
 
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